Wenn Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen, dann zeigen sie verschiedenste Verhaltensweisen. Der eine fängt an zu stottern, zu schwitzen, in Panik zu verfallen oder auch in seltenen Fällen, er macht sich in die Hose. Noch weniger Menschen trumpfen in solch einer Situation erst richtig auf. Diese Menschen haben Nerven wie Drahtseile, sie der Motor unseres Landes und treffen immer die schwierigen Entscheidungen. Sie sind die Helden in Hollywoodproduktionen und werden von allen angebetet. So jemand bin ich.
Es war ein warmer Abend als ich nach Hause kam und die Nachricht erhielt, dass sich meine Mutter ihren Mittelfuß gebrochen hatte. Dieses tragische Ereignis sollte mein Mount Everest werden. Meine Landung auf dem Mond. Mein Sieg bei einem Starcraft 2 Spiel. Ich musste die Initiative ergreifen, ich musste mein glorreiches Selbst und meine Mutter Pflegen, den Haushalt am laufen halten und dabei wie immer überragend aussehen. Das ganze stellte mich tatsächlich vor ungeahnte Probleme: Wie bediene ich die Waschmaschine? Was soll es zu essen geben? Was bedeutet „auf Links“ waschen und und wie unterscheide ich Weiß- von Buntwäsche? Und wie läuft das mit dem Einkaufen?
Tatsächlich habe ich immernoch nicht Begriffen wo der Unterschied von Weiß- und Buntwäsche wirklich liegt aber ich weiß wie die Waschmaschine funktioniert und die riesige Auswahl an verschiedensten Lebensmitteln überrascht so ziemlich jeden, der normalerweise auf direktem Weg die örtliche Kühltruhe im heißgeliebten Supermarkt aufsucht und den Rest um sich herum völlig ignoriert. Das Einkaufen an sich war jedoch eine unumgehbare Herausforderung. Wenn man einmal alle Punkte auf dem von Mutti geschriebenen Einkaufszettel abgearbeitet hat, dann kommt irgendwann unweigerlich der Punkt, an dem man „Bezahlen“ muss. Bezahlen ist in diesem Falle nichts anderes als das Ausführen eines Tauschgeschäfts zwischen dem Kunden A und dem Verkäufer B. A gibt B Geld – X,- für C, die Ware. Wenn C den ansprüchen von A jedoch nach dem Verkauf nicht mehr entspricht oder kaputt ist, kann dieser sich an B wenden und C zurück geben um X zurück zu erhalten. Falls dies nicht klappt ist B glücklich, A enttäuscht, X war völlig umsonst und C vergammelt in irgendeiner Ecke- aber das ist ein ganz anderes Thema.
Zurück zu unserem überfüllten Einkaufswagen, den ich nun vor mir her schiebe auf der Suche nach der besten Schlange vor den Kassen. Um es von vorne herein zu sagen, ich schaffe es immer brillianter präzision und messerscharfer Beobachtungsgabe in Kombination mit lebenslanger Erfahrung, die langsamste Schlange zu erwischen. Ich stehe also hinter einer ältern Dame, wir nennen sie jetzt der Abkürzung halber Hexe. Hinter Hexe steht Klappstuhl, ein ca. 50-jähriger Freigeist, der von Arbeiten wenig hält aber dafür sehr viel von Pfandflaschen versteht. Dahinter stehe Ich, Gott. Während Gott also seine Artikel auf das Laufband legt, um den erhofft schnellen Prozeß des Bezahlens zu beschleunigen und hinter sich zu bringen, ist Hexe dabei, ihre Artikel in ihren Hackenporsche zu verfrachten. Während sie das tut, nennt die Kassiererin ihr den ausstehenden Preis für die Artikel. Hexe ist fertig und guckt die Kassiererin an. Alles guckt sie gebannt an und 5 Sekunden passiert absolut gar nichts. Beide starren sich in Erfurcht oder auch temporärer Verwirrtheit an, bis die Kassiererin den Preis wiederholt. Hexe, die natürlich nicht damit gerechnet hatte, etwas Bezahlen zu müssen, begibt sich nun auf die Suche nach ihrem Geldbeutel. Klappstuhl wippt von einem Fuß auf den anderen. Gott überdenkt die Welt. Hexe durchsucht währenddessen ihren Mantel, wird natürlich nicht fündig und durchsucht ihren Hackenporsche, in dessen Seitentaschen sie natürlich nicht den Geldbeutel findet, aber dafür alles andere was es gibt auf der Welt. Gott erahnt die Situation aus 2 Metern Entfernung und schlägt Hexe vor, den Stauraum zu durchsuchen, den sie gerade mit ihren Lebensmittel gefüllt hatte. Nach kurzem rummosern, dass es nicht sein könne das der Geldbeutel dort wäre und dem anschließenden finden des Geldbeutels, gibt Hexe uns Anwesenden die Gelegenheit ihre einzigeartige Kleingeldsammlung zu begutachten. Natürlich bezahlte sie all ihre Artikel mit Kleingeld. Danach war Klappstuhl an der Reihe. Klappstuhl kaufte sich die nahrhafte Ration an Lebensmittel die er für eine Woche braucht und in eine Dose passen. Zusätzlich qualitativ hochwertiges deutsches Bier und eine Fernsehzeitung. Während Klappstuhl seine Artikel einräumte welche die Kassiererin vorher eingescannt hatte, legte er frech von Hinten einen Pfandrückgabeschein auf die Kasse. Leider war Klappstuhl mathematisch ähnlich wenig begabt wie Gott, weshalb Gott sich Taschenrechnern bedient, Klappstuhl diese Erfindung jedoch anscheind für Ketzerei hielt. Klappstuhl fehlten exakt 9 Cent. Blöde Geschichte. Pech beinahe. Gott also leiht Klappstuhl 10 Cent damit der Klappstuhl sich endlich verzieht. Nachdem dieser mir 1 Cent zurück gab und sich eindeutig zu herzlich Bedankte war Gott an der Reihe. Und hier begann der Aufstieg auf den Everest, mein Landeanflug und meine letzte Schlacht..
Die Kassiererin gab den Startschuß indem sie das Trennteil, dessen richtige Name mir nicht bekannt ist, weg, und begann die Sachen über den Scanner zu ziehen. Erst einen Artikel, dann Zwei, Drei, Vier.. Gott stand mit seinem Einkaufswagen am Ende stehend war bereit die Ware in Empfang zu nehmen um sie erneut zu verstauen, jedoch bemerkte er das erstaunlich hohe und übernatürliche Tempo der Kassiererin und spürte sofort den kalten Atem der öffentlichen Demütigung in seinem Nacken. Wenn er sich nicht beeilen würde, dann würde sich am Ende ein Stau bilden, die Leute würde Gott ansehen und sich Fragen, wieso er nicht im Stande war, alle Artikel schnell vom Laufband zu nehmen und die Kassiererin somit gezwungen war, eine Pause einzulegen. Es bildete sich leichter Schweiß auf meiner Stirn, die Pupillen weiteten sich und der Puls schoss in die Höhe. Alles lief in Zeitlupe ab. Er stand unter Druck! Er sah sein Leben an sich vorbei ziehen, die genervten und verärgerten Gesichter der anderen Kunden vor seinem inneren Auge.. Er musste etwas tun. Er atmete tief durch und packte die Gelegenheit beim Schopfe und packte wie noch nie jemand gepackt hatte. Gott lieferte seine beste Arbeit ab und schaffte es alle Artikel blitzartig vom Laufband zu nehmen und diese Sicherheitsgerecht im Einkaufswagen zu verstauen. Als der letzte Artikel sich zwischen Milch und Käse befand, riss er die Arme hoch um seinen Sieg zu feiern. Die Emotionen kochten in ihm hoch und er war sich sicher von irgendwo aus der Getränkeabteilung einen Beifall zu hören. Die Demütigung war abgewendet worden. Er würde als Held nach Hause kommen, Partys gefeiert und seine Name würde Straßen benennen. Beim entgegennehmen des Wechselgeldes viel ihm das gesamte Kleingeld hinunter..
Freitag, 6. August 2010
Gott kauft ein
Eingestellt von SlickRick 0 Comments
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